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Matthiesen meint

Boah, ist das anstrengend

  • Kai Matthiesen
  • Donnerstag, 28. Oktober 2021
© Silke Bachmann

Warum ist das Leben unter Pandemie-Bedingungen so kräftezehrend?

Seid Ihr auch so dauermüde wie ich? Wir haben natürlich alle viel zu tun. Aber das allein kann es doch nicht sein. Ich schreibe dies in der fast leeren Bar eines Mainzer Hotels. Ich hatte mich bemüht, wie beim letzten Mal, per App ins Hotel einzuchecken. Hat nicht funktioniert. Weil man ein Impfzertifikat vorlegen muss, erklärt die Rezeptionistin. Das kann die App nicht. Die Rezeptionistin will das Zertifikat dann aber auch nicht sehen.

Wie lange die Bar offen sei, frage ich.

Sie sei geschlossen.

Mein Blick driftet zu zwei Trinkenden hinüber. Sie folgt dem Blick.

Aber sie wolle mir gern ein Bier zapfen, Wein geht auch, Cocktails kann sie nicht.

Ich nehme ein Bier. Das Prozedere morgen früh kenne ich schon: Bevor man ans Frühstücksbuffet geht, soll ich Plastikhandschuhe anziehen. An der Kaffeemaschine muss ich die dann wieder ausziehen, weil der Touchscreen sich sonst nicht bedienen lässt. Aber vielleicht hat sich das auch wieder geändert. Mein letzter Besuch ist vier Wochen her.

Allmählich dämmert mir, warum das alles so anstrengend ist. Es ist vergleichbar mit den ersten Tagen im neuen Unternehmen, dem Ankommen in einem fremden Land oder auch nur in einer fremden Stadt. Wie soll ich mich verhalten, was wird von mir erwartet, wie soll ich antworten auf die Frage, auf die Geste? Weniges ist sicher, fast alles könnte hier anders verstanden werden. Ständig beobachtest du dich selbst und wägst ab, ob das Verhalten wohl angemessen ist. Am Abend kommst du nach Hause. Und allein durch diese Menge an sozialen Unwägbarkeiten bist du komplett alle und denkst nur „boah, ist das anstrengend!“

Erst nach einigen Tagen, Wochen, Monaten haben sich die eigenen Erwartungen, über das was von dir erwartet wird, an die nicht mehr ganz so neue Umwelt angepasst. Du hast gelernt, wie du dich kleiden sollst, wie du grüßt, wie du dich in der Kantine anstellst, wie die du auch noch spät abends das Gelände verlässt, ohne Alarm auszulösen. Die Verhaltenserwartungen werden stabiler. Sie bilden Strukturen, auf die du dich im Alltag abstützen kannst. Sie geben Halt, Orientierung und Sicherheit darüber, wie man hier ein guter Kollege ist – und wie sich diese Anforderungen von dem unterscheiden, was formal verlangt wird. Du kannst zwischen beiden Erwartungen manövrieren. Selbst die kleinen Workarounds und Abkürzungen hast du gelernt. Stabile Verhaltenserwartungen entlasten. Du kannst dich allmählich entspannen.

Und genau diese stabilen Verhaltenserwartungen sind es, die unter Pandemie-Bedingungen fehlen und ständig wieder erschüttert werden. Durch die wechselnden Beschränkungen und Regulierungen des öffentlichen Lebens ist vieles neu und unbekannt. Nicht nur zwischen Staaten, auch noch zwischen Bundesländern variieren zuerst die Anforderungen, dann noch die Interpretationen – und schließlich noch die Dauer, bis die eine formale Regel wieder geschluckt, dafür durch eine komplizierter ausgedrückte ersetzt wird.

Ich will hier nicht mangelnde Abstimmung und Strategie beklagen. Es geht mir nur darum, dass diese Kakophonie an Vorschriften und Interpretationen eine enorme Instabilität der Verhaltenserwartungen erzeugt. Jedem Unternehmen würde ich raten, eine Veränderung zügig durchzuziehen, damit die neuen Erwartungsstrukturen die alten ablösen können, damit die Leute sich darauf einstellen und von ihren Zehenspitzen runterkommen können. In einer Pandemie funktioniert das leider nicht. Vorerst bleibt es also anstrengend.

Autor

Dr. Kai Matthiesen

hat ein besonderes Augenmerk auf die alltäglichen Aufgaben von  Organisationsmitgliedern – und was von ihnen formal eigentlich gefordert ist.

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