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Matthiesen meint

Und was machst du so beruflich?

  • Kai Matthiesen
  • Donnerstag, 27. Januar 2022
Berufliche Orientierung Young Professionals
© Silke Bachmann

Die Attraktivität einer Organisation als Arbeitgeberin wird vom Wertewandel in der Gesellschaft beeinflusst. Wie attraktiv aber eine Organisation ist, hängt davon ab, wie sie diese Herausforderung annimmt.

Wenn mich auf einer Party jemand fragt, was ich beruflich mache, und ich keine Lust habe, mich darüber zu unterhalten, dann sage ich: „Unternehmensberater“. Meistens kommt dann nur noch ein müdes „Aha“ und wir können uns wieder anderen Themen oder den Getränken zuwenden.

Früher war die gleiche Antwort eher ein Conversation Starter: interessiertes Nachfragen, vielleicht sogar etwas Bewunderung. Diese wertschätzende Anerkennung des Gegenübers bekommt man heute für ganz andere Branchen und Arbeitgeber. Wer z.B. für einen Projektentwickler in erneuerbaren Energien arbeitet, gestaltet die Zukunft und ist cool. Ablehnung, Verwunderung oder Desinteresse schlägt derjenigen entgegen, die Turbinen für „gestrige“ Kohlekraftwerke entwickelt. NGOs sind gut, Bundeswehr – naja. Herkömmliche Banken sind suspekt, Crypto Finance ist spannend. Konzerne sind verkrustet, Start-ups wahnsinnig agil. Die Liste der Wertschätzungs-Gewinner und -Verlierer lässt sich lange fortsetzen.

Relevant werden die sich wandelnden Einschätzungen erst durch knapper werdende Arbeitskräfte – z.B. im Handwerk, in der Pflege, aber auch bei Softwareentwicklern und Ingenieuren bleiben Stellen unbesetzt. Daraus ergibt sich für Unternehmen eine neue Form von Werte-Wettbewerb: Wer ist klima- und familienfreundlicher, diverser, agiler?

Dabei müssen sich diejenigen besonders anstrengen, die in der allgemeinen Wertschätzung eher zurückstehen. Und genau darin liegt eine gesellschaftliche Chance: Ich vermute, dass diese Organisationen auf Sicht die besseren Arbeitgeberinnen werden. Sie sind gezwungen ernsthaft daran zu arbeiten, konkrete Arbeitsbedingungen zu schaffen, die für die Arbeitenden attraktiv sind. In Studien sind es regelmäßig Gründe, die in den Strukturen der Organisation selbst liegen, die Mitarbeitende zur Kündigung bewegen: mangelnde Anerkennung durch Vorgesetzte, Überlastung, Unterforderung, mangelnde Entwicklungsaussichten, …

Aus eigener Anschauung sind Organisationen, die als attraktiv gelten, in diesem Wettbewerb manchmal weit abgeschlagen, weil sie es nicht nötig haben, darin einzutreten. Die NGO setzt auf das grenzenlose Engagement ihrer Mitarbeitenden; die Gewerkschaft verlangt von Genossen-Kollegen die Teilnahme an Mai-Demo und Kundgebung, natürlich außerhalb der Arbeitszeit; im Start-up wird der Team-Spirit zum sozialen Druck; im Zeitungsverlag missbraucht der Chefredakteur die Macht der Begehrtheit des Arbeitsplatzes; im Venture Capital finanzierten Unternehmen herrscht wachstumsbedingtes Struktur-Chaos.

Für die Arbeitskraft Anbietenden kann die Annahme von „guter Wert = gute Organisation“ sich also schlicht als falsch erweisen. Wenn die im Wertewandel eher abgeschlagenen Organisationen dagegen ihre Chance nutzen, Talente für sich zu gewinnen und zu halten, dann ginge es im Wettbewerb letztlich um die bessere Organisation. Im Endeffekt könnte so ein Wertewandel zu besseren Organisationen führen, und zwar gerade bei solchen, deren gesellschaftlicher Wertbeitrag in Frage gestellt wird.

Übrigens: Wenn ich Lust habe mich über meine Berufung zu unterhalten, dann sage ich, dass ich Menschen in Organisationen dabei helfe, diese besser zu machen.

Autor

Dr. Kai Matthiesen

hat ein besonderes Augenmerk auf die alltäglichen Aufgaben von Organisationsmitgliedern – und was von ihnen formal eigentlich gefordert ist.

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