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Matthiesen meint

Hört auf, über Werte zu reden!

  • Kai Matthiesen
  • Freitag, 29. April 2022
Matthiesen meint - Werteorientierung
© Timo Müller, Die Illustratoren

Ich mag Werte, ich mag Tugenden. Sie machen ein warmes Gefühl im Bauch. Und man weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist, wenn man sich im Handeln an ihnen orientiert. Jedenfalls kann man sich das einbilden. Denn genau diese Handlungsorientierung können Werte gerade nicht leisten.

In den letzten Wochen konnte man mit den Ostermärschen auf der gesellschaftspolitischen Bühne erleben, was in vielen Unternehmen tägliche Wirklichkeit ist: Nur weil man den gleichen Wert verfolgt, muss man noch nicht das gleiche tun wollen.

Seit Ende der 1950er Jahre gehen Menschen zu Ostern auf die Straße, um für „Frieden“ zu demonstrieren. Was könnte 2022, angesichts des Krieges in der Ukraine, aktueller sein? Dieses Mal wurde allerdings klarer als sonst, dass man sich vielleicht darauf einigen könnte, „Imagine“ oder „We shall overcome“ zu singen, nicht aber, welche Handlungsaufforderungen an die Politik auf die Plakate geschrieben werden sollten. Die einen sahen sich berufen, lauter denn je „Frieden schaffen ohne Waffen“ zu skandieren. Die anderen forderten die aktive Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Aggressor, unter anderem mit der Lieferung von Waffen und Munition. Unter dem einen Wert „Frieden“ wollten sich mehrere sehr unterschiedliche Handlungsorientierungen versammeln. Das haben die Organisator:innen selber gemerkt und lieber getrennte Märsche organisiert. Besser so. Anders als im Unternehmen kann eine demokratische Gesellschaft diese Pluralität aushalten.

Ganz so groß wie „Frieden“, wird es in Unternehmen dann doch meist nicht, wenn es um Werte geht. Aber „Verantwortung“, „Aufrichtigkeit“ oder „Mut“ dürfen es schon sein. Und die Hoffnung, die man an die Proklamation der Werte knüpft, geht ja zunächst in Erfüllung: Sie machen ein warmes Gefühl und man kann sich dahinter versammeln. Es gelingt, endlich einmal „Wir“ zu sagen. Sie sorgen für Kohäsion, den etwas klebrigen Zusammenhalt, den jede Organisation gut gebrauchen kann. Solch schöne Werte kann man nur gutheißen. Das Gegenteil ist sofort abzulehnen. Wer will schon unverantwortlich und unaufrichtig, oder gar feige sein.

Und genau diese Unablehnbarkeit gleitet hinüber zur Beliebigkeit. Was Orientierung geben sollte, ist allenfalls noch als Rhetorik brauchbar, wenn es nicht als Propaganda gebrandmarkt wird. Jede Handlung lässt sich auf den Wert beziehen. Was sollen einzelne Mitarbeitende tun, wie sollen sie sich entscheiden? Die Werte jedenfalls geben darauf keine Antwort.

Im Volkswagenkonzern heißt es zum Beispiel: „Mut – Wir wagen Neues. Wir sind mutig. Innovativ. Erfinder. Macher. Wir lassen los und denken neu. Wir gestalten die Mobilität von morgen.“

Das Beispiel Volkswagen ist nur ein zufälliges von zu vielen; die gute Absicht und das redliche Bemühen sind deutlich zu erkennen. „Die Volkswagen Konzerngrundsätze geben Orientierung für das tägliche werteorientierte Handeln aller Mitarbeiter.“ Leider nein. So einfach ist das nicht.

Denn wer daraus etwa ableiten wollte, dass ab sofort die Produktion von Motoren für fossile Brennstoffe eingestellt werden sollte, dem wird man kein Gehör schenken. Wer an der Entwicklung neuer E-Motoren oder Wasserstoff-Antriebe arbeitet, wird sich bestätigt fühlen dürfen, auch wenn das Mutige daran nicht sofort zu erkennen sein wird. Mutige Software-Ingenieurinnen und Ingenieure hatte Volkswagen ja schon genug. Einen Orden sollen die nicht dafür bekommen haben, die Fahrzeuge schadstoffarm erscheinen zu lassen. Mutige Buchhalter:innen wünscht man keinem Konzern, wohingegen mutige Steuerfachleute weiter gern gesehen sind. – Kurz: Von Werten lässt sich kein Handeln ableiten.

Für abgestimmtes Tun braucht es Verständigung unter den mächtigen Akteur:innen und die daraus folgende Anpassung der Strukturen, die unerwünschte oder widersprüchliche Handlungen begünstigen. Um den genauen scharfen Blick hinter die Fassaden kommt man nicht herum. Auch nicht durch wohlmeinende und handwerklich gut gemachte Unternehmenswerte. Und wenn die unternehmensinternen Ostermärsche immer noch widersprüchliche Plakate hochhalten, dann wird es auch nicht weiterhelfen, noch ein paar tausend Menschen zu „Wahrnehmungsworkshops“ zu nötigen, in denen ihnen die Wertegrundsätze nahegebracht, man könne auch sagen reingerieben, werden. Werte und Handlungen sind leider nur lose gekoppelt. Und „an ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“, heißt es schon in der Bibel (1. Johannes 2,1-6).

Autor

Dr. Kai Matthiesen

hat ein besonderes Augenmerk auf die alltäglichen Aufgaben von Organisationsmitgliedern – und was von ihnen formal eigentlich gefordert ist.

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