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Matthiesen meint

вождь – Ohne Gefolgschaft kein Führer

  • Kai Matthiesen
  • Montag, 28. Februar 2022
Führung ohne Führer
© Silke Bachmann

In einer Organisation verpflichtet sich ein jedes Mitglied mit seinem Eintritt, dass es die Regeln der Organisation befolgen wird. Dazu gehört auch, dass Hierarch:innen zu folgen ist. Wer das dauerhaft nicht tut, stellt die eigene Mitgliedschaft zur Disposition. Nur wenn es Hierarch:innen dauerhaft nicht gelingt, Gefolgschaft zu generieren, wird deren Führungsposition in Frage gestellt. Wenn die Versuche in Führung zu gehen, nur folgenlose Interaktionsdominanz bleiben, dann wird auch die/der Führende keine/r mehr sein, weil die hierarchische Rolle mit sich bringt, für Gefolgschaft sorgen zu können.

Anders in einem Staat: Die Mitgliedschaft der Staatsbürger:innen ist bedingungslos. Sie haben sogar Rechte, Menschenrechte, für deren Einhaltung der Staat zu sorgen hat. Das lässt sich philosophisch gut begründen und ist seit 1948 in der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen festgehalten. Die Menschen haben auch das Recht, sich ihre Führung zu wählen. Das Angebot, sich führen zu lassen, kommt von den Menschen und kann den dann Führenden von diesen Menschen auch wieder entzogen werden. Das muss auch so sein, weil die „Kündigung der Mitgliedschaft“ keine zumutbare Alternative ist. Sie führt ins Asyl. Staaten, die diesen Prozessen der Selbstbestimmung entgegenstehen, missachten die Menschenrechte.

Wer nun Mitglied des Militärs eines Landes ist, der mag zwar dem Staat dienen, ist in erster Linie aber Mitglied einer Organisation, deren Regeln zu befolgen sind. Wenn das Militär die Aufgabe bekommt, ein anderes Land anzugreifen, dann ist es die Pflicht der Soldat:innen, die damit zusammenhängenden Befehle auszuführen. Der ausgeführte Angriff ist nicht Ausdruck des Wollens der Soldat:innen, sondern Folge ihrer Mitgliedschaft im Militär. Wenn ein/e Soldat:in die Gefolgschaft verweigert, muss mit Repressionen gerechnet werden. Eine fristlose Kündigung der Mitgliedschaft ist in der Regel nicht vorgesehen – oder bei Wehrpflicht von vorneherein ausgeschlossen. Wer also die Gefolgschaft verweigern will, ohne Schaden zu nehmen, muss Wege finden, die Befehle oder ausgerufenen Ziele zu unterlaufen (vom Einstellen jeglicher Eigeninitiative, über Sabotage, zur Desertation) und sich dabei nicht erwischen zu lassen.

Wollen Staatsbürger:innen  die Gefolgschaft verweigern, werden sie dafür in der Regel nicht den eigenen Staat verlassen wollen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit dazu beizutragen, eine andere Führung herbeizuführen. Offener Widerstand führt zu Repression in einem Staat, der Menschenrechte missachtet. Wenn sehr viele in den offenen Widerstand gehen oder einzelne sich sehr geschickt anstellen, ihre Gefolgschaft aktiv zu verweigern, dann werden sie den Staat und dessen Führung ändern können.

Da Menschen vernunftbegabt sind, ein gesundes und glückliches Leben führen wollen, werden sie dem Führer die Gefolgschaft verweigern. Der wäre dann keiner mehr, sondern schlicht gescheitert, in einem letzten Versuch der Dominanz.

„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.

Ernst Bloch

Es ist die Hoffnung der Moderne, die Hoffnung, dass eine auf Werte und Regeln basierende Weltordnung möglich ist.

Autor

Dr. Kai Matthiesen

hat ein besonderes Augenmerk auf die alltäglichen Aufgaben von Organisationsmitgliedern – und was von ihnen formal eigentlich gefordert ist.

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