„Wenige Monate nach der Befreiung Deutschlands und Europas vom NS-Regime durch die alliierten Truppen fanden 732 jüdische Kinder und Jugendliche, die den Holocaust überlebt hatten, in Großbritannien Zuflucht. Am 14. August 1945 wurden die ersten 300 Kinder von Prag an Bord von zehn Short Stirling-Bombern der Royal Air Force zu einem Luftwaffenstützpunkt unweit von Carlisle geflogen. Die übrigen trafen in den Wochen darauf ein. Omnibusse brachten sie in der Nacht des 15. August von dort in ein Empfangslager in der Nähe des Lake Windermere.“ (So Iris Därmann in Kinderperspektiven. Aus der Nacht heraus)
Vorbereitung und Durchführung der Betreuung lagen in den Händen u. a. von Anna Freud und der Sozialarbeiterin, Kunsttherapeutin und Malerin Marie Paneth, „die mit Anna Freuds kinderanalytischer Arbeit in Kriegskinderheimen vertraut war.“ (Ebd.) Schon deren Arbeit mit den Kindern lässt sich ernstlich wohl kaum als eigennützige Interessenverfolgung oder auch nur als Konformismus gegenüber etablierten Normen (ab)qualifizieren. Muss man sie nicht als Gaben anerkennen? Immer noch Iris Därmann:
„Unter den verwaisten Kindern hatten die sechs Jüngsten das Ghetto Theresienstadt als unzertrennliche Kindergemeinschaft überlebt. [1]
Aber nun zu den Kindern. (Ich schicke voraus: Es ist bekannt, dass Menschen in Konzentrationslagern, im Angesicht Hunger und Durst, von Folter und Todesdrohungen um das Lebensnötigste auch mit- und gegeneinander gekämpft haben. Dass es das gab, bedarf kaum der Erklärung. Es sind aber die Einzelheiten gegenseitiger Fürsorge, die es eben auch gab, die, jenseits jedweden Idealismus, unsere Aufmerksamkeit und Anerkennung verdienen und verlangen.)
„Zu Anna Freuds Erstaunen war die ‚Gefühlsgemeinschaft‘ der Kinder durch das ‚fast vollständige Fehlen von Rivalität und Eifersucht‘ bestimmt. Bei allen Gelegenheiten des Zusammenlebens standen die Kinder vielmehr ‚füreinander ein, wenn sie ein Mitglied ihrer Gruppe ungerecht behandelt oder von einem Außenseiter bedroht fühlten. Sie beobachteten die Gefühle der anderen genau. Sie neideten einander ihre Besitztümer nicht […], verliehen sie im Gegenteil aneinander. Wenn ein Kind in einem Laden ein Geschenk erhielt, verlangte es das gleiche für alle anderen, auch für die Abwesenden. Bei Spaziergängen achteten sie sehr auf die Sicherheit jedes Kindes im Verkehr, sahen nach den Kindern, die hinterhertrödelten, halfen sich über Gräben, räumten für die anderen den Weg versperrende Zweige fort und trugen den Mantel für jedes andere Kind. […] Bei den Mahlzeiten war es von größerer Bedeutung, dem Nachbarn abzugeben als selbst zu essen. Das Verhalten dieser Art war keine Ausnahme, sondern die Regel,‘ wie Anna Freud mit zahlreichen dialogischen Episoden und kleinen Verhaltensmomenten aus den ersten sieben Monaten der Kinder in Bulldogs Bank vor Augen führt“ (Iris zitiert hier Anna Freuds Bericht „Gemeinschaftsleben im frühen Kindesalter“).
Dazu nun diese Passagen aus Anna Freuds Bericht:
„November 1945:
John will morgens nicht aufstehen, liegt im Bett, schreit und stöhnt. Ruth bringt ihm seine Sachen und fragt: ‚Willst du anziehen?‘ Miriam bietet ihm mit einem Lächeln ihre Puppe an. John beruhigt sich sofort und steht auf.“
„Dezember 1945:
Paul hat einen Teller voller Kuchenkrümel. Als er zu essen beginnt, möchten die anderen auch davon haben. Paul gibt die zwei größten Brocken Miriam, die die drei mittleren den anderen Kindern und ißt selbst die kleinsten.“
Nicht, dass Anna Freud diese Kinder idyllisiert hätte. Nüchtern beschreibt und analysiert sie Aggressionen und Konflikte, Antipathien und Freundschaften im Verhältnis zu den Erwachsenen. Gerade zu Anfang
„reagierten sie auf den erneuten Umgebungswechsel schlecht. Sie zeigten keine Freude an den für die getroffenen Arrangements und verhielten sich wild, ruhelos und unbeeinflussbar lärmend….
Vor allem schrien und kreischten sie und gebrauchten Schimpfwörter.“
Das, nachdem sie ihre Eltern früh verloren hatten und nach deren Tod von Ort zu Ort verbracht worden waren. „Bulldogs Banks war für Peter die sechste Station in seinem Leben“.
„In Theresienstadt, d. h. bis zum Alter von 3 und 3 ½ Jahren, hatten die Kinder das Leben von Lagerinsassen geführt, in eingeschränktem Raum, ohne Spielsachen, ohne Gelegenheit zu freier Bewegung, zu Kontakt mit Tieren und zur Naturbeobachtung. Sie hatten nicht das Leben gewöhnlicher Leute geteilt oder beobachtet, und da sie zu den Menschen, die sie versorgten, keine starken emotionalen Bindungen hatten, fehlte ihnen der normale Anreiz, Erwachsene nachzuahmen und sich mit ihnen zu identifizieren.“
Welche Versehrungen ihre Lebensgeschichte mit ihren Gewalterfahrungen angerichtet haben muss, können wir Heutigen uns nicht vorstellen. Dennoch, und gewiss auch gerade deswegen, entwickelten sie innerhalb ihrer Gruppe eine „Geschwisterlichkeit“, die Iris so kommentiert:
„Das ist die Ethik der Gabe, die vor dem Hintergrund des antisemitischen Sadismus erwachsener deutscher Täter umso heller leuchtet. Man könnte mit der französischen Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle von einer ‚uneinnehmbaren Sanftheit‘ und einer ‚sensiblen Menschheit‘ sprechen, die die sechs Kinder in der Atmosphäre beständiger Todesangst und des Hungers in Theresienstadt erfunden und praktiziert haben.“
„In Situationen extremer Gewalt erweisen sich Kinder als Miterfinder einer Menschheit der Sensibilität. Ihre ‚Erfindsamkeit‘ artikuliert sich in Beziehungsformen, die den Charakter unzerreißbarer Geschwisterlichkeit annehmen können, und in kulturellen Praktiken, die von der Gabe und vom Teilen der dürftigen Güter bestimmt sind. Erfindsamkeit steht mit Kindheit im Bunde.“
Wenn das so ist: Sollte man dann nicht annehmen, dass so, auf solchen (und auch auf tausend anderen) Wegen am Anspruch des/der Anderen Ethik und Moralität sich entzündet und von solcher Praxis weiter angefacht wird? In rekursiven Schleifen zwischen jenem Anspruch und dieser Praxis? Dass wir es nicht unter Hinweis auf die zweifellos extreme Nähe jener „Geschwister“ zueinander als Einzel- und Sonderfall abtun sollten? Sondern im Gegenteil würdigen, dass dieser Anspruch und eine Ethik der Gabe selbst durch widrigste, widerwärtigste, destruktivste Praktiken und Bedrohungen mit tödlicher Gewalt nicht zerstört, ja, mitten darin erfunden werden konnte? Und dass wir damit dem Verständnis der Genesis des Ethischen und von Moralität auch diesseits jener Extrema so nahekommen wie möglich?
Schließlich, dass davon ein Rest bleibt, wenn wir erwachsen werden, und selbst, wenn wir in Organisationen eintreten und dort zusammenarbeiten und -leben (müssen)?
[1] Därmann bezieht sich hier auf Marie Paneth, Rock the Cradle (2020, 31, 40).
