In meinem Buch erläutere ich im Einzelnen, dass wir auf den Anspruch des oder der Anderen sensu Lévinas zwar nicht nicht antworten können, dass aber das Was und Wie unserer Antwort daraus noch nicht folgt. Er ist vielmehr ein Widerfahrnis, eine „Heteroaffektion“ und als solche „eine nicht-ethische Herkunft“ der Ethik (so Bernhard Waldenfels). Schon gar nicht kann daraus ein moralisches Prinzip abgeleitet werden, keine „affektive Fundierung der Moral“. Wie aber kann dann der Schritt zu einer ethischen respektive moralischen Orientierung gedacht werden, die dem Anderen gerecht wird? Wie kommt es von jenem Nicht-Ethischen zum Ethischen? Und wie wird aus Ethik im Sinne einer transzendentalen Bedingung der Möglichkeit von Interaktion ein alltägliches Ethos, eine Alltagsmoral, der Akteurinnen (wie) selbstverständlich folgen? Woher die Kriterien nehmen, die richtige und falsche Antworten zu unterscheiden erlauben?
Simon Critchley hat dafür eine „ethische Erfahrung“ namhaft gemacht, „die obsessive Erfahrung einer Verantwortung, die mich durch ihr bloßes Gewicht verfolgt.“ Daraus kann die Pflicht, im Modus der Gabe zu geben, erwachsen. Ich führe nun, bereits mit Blick auf die Ethik der Gabe, einen denkbar extremen Fall einer solchen Erfahrung an, und es ist kein Zufall, dass sie sich da ex negativo konstituiert – aus dem Erleben schlimmster Gewalt und daraus erwachsender Hin- und Zuwendung zu Leidensgefährtinnen. Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass das Wie und das Was der Antwort auf den Anspruch des Anderen, sofern es nicht einfach Konventionen folgt, je neu erfunden sein will. Das ist die Zeitstelle der Ethik in statu nascendi, der sodann Wiederholungen und Befestigungen durch andere Andere folgen müssen – so entsteht gesellschaftlich geltende Moral, auch: die partikulare Moralität in und von Organisationen.
Diese „Erfindsamkeit“ aber bedurfte im Falle der Kinder von Windermere, um die es nun geht und für die Iris Därmann (2025, 179) dieses Nietzsche-Wort[1]
geltend gemacht hat, einer kreativen Kraft, die sich gegen heftigstes Leid (auf)richtet und daraus oder jedenfalls im Zuge dessen (nicht Begriffe, nicht Prinzipien, keine Kriteriologie, aber) ein implizites Wissen, besser: Können schöpft, ein Vermögen der Zu- und Hinwendung zum Anderen – mit Iris‘ Buchtitel: Aus der Nacht heraus.
Wo Wissenschaftlerinnen – Ökonomen oder RC-Soziologinnen – nach Erklärungen für die Entstehung von Normen, besonders auch von Normen der Reziprozität fragen und die Antwort in nichts als Nutzen- und Interessenbedachtheit suchen, da lege ich ihnen die folgenden Szenen mit dem Ansinnen ans Herz, (contre coeur?) zu bedenken, ob wir in ihnen (nicht Ursprünge, aber) vielleicht Geschehnisse erblicken können, in und mit denen der winzige Sprung vom Sein zum Sollen sich ereignet. Die Kinder „setzen … einen Maßstab durch sich selbst,“ so hat Iris es ausgedrückt, „indem sie ein Ethos in statu nascendi erfinden.“ (Därmann 2025, 179; Hervorh. i. Orig.) Durch sich selbst! Nicht Normen folgend, sondern in situ kreierend, genauer: deren Kreation als priming „zündend“, entzündend und anbahnend. Denn die Lebenssituation dieser Kinder ist derart singulär, dass Normen dafür gar nicht parat sein können. (Und wenn sie es wären, bedürfte es immer noch einer sei es auch minimalen Kreativität, um ihre angemessene Anwendung in situ zu erfinden.)
Es ist, als ob die Berichte von den Ereignissen im Ghetto Theresienstadt und dann in Bulldogs Bank anzuschauen geben, wie der Funke vom Vor-Ethischen zum Ethischen überspringt.
In der Hoffnung, dass man an ihnen genau dies sieht, die Vorgängigkeit der Praxis dieser Kinder gegenüber gesellschaftlichen Normen, das Vorab im Verhältnis zu Normenbefolgung, gebe ich in der folgenden Kolumne ausführlicher als üblich einige Passagen aus dem Windermere-Kapitel des Buchs von Iris Därmann wieder. Man wird dabei erst recht sehen, dass diese Kinder nicht im Modus eines do ut des geben.
[1] Nietzsche hatte ein feines Gespür für die ex-negativo-Konstitution dieser (seiner eigenen) Erfahrung: Es „war die böse Zeit meines Lebens reich für mich durch eine gewisse neue Erfindsamkeit – die Kunst für nuances, die feine Fingerfertigkeit in der Handhabe von nuances. … eine Verzärtelung des Getasts bis in’s Geistige hinauf; auch noch jene Art liebevoller Rücksicht und Vorsicht im Verstehn, die Kranken eignet, gehört dahin …“ (Nietzsche 1988a, KSA 13, 618; Hervorh. i. Orig. gesperrt) Entsprechende Emp- und Erfindungen sind allerdings keine creatio ex nihilo, und sie sind auch nicht aus reiner Negativität geschöpft, sondern können auf sei es noch so schüttere lebensweltliche Ressourcen zurückgreifen, die Rentschs „primärer Lebenswelt“ (dazu später mehr) entstammen.
