13: Arbeiter auf dem shop floor spielen ein Spiel namens „making out“. Sie arbeiten eine Zeitlang um die Wette – sie „hauen rein“ –, aber wohldosiert, nicht zu sehr, damit sie ihren Akkord nicht verderben. (Das wird in Michael Burawoys Manufacturing Consent beschrieben.)
14: Einer der Bundeswehr-Warte aus Szene 5 streicht über die Flügel des zum Einsatz bestimmten Tornados: „good luck“ für den Piloten.
15: Im Meeting hat einer eine Idee. Eine Kollegin sagt: „Mhmm“ – Betonung auf dem „hmmm“.
Spiele der Arbeiter wie in Szene 13 sind Spiele gegen die Uhr, gegen Langeweile, für Thrill, für Wetteifer, für ein Miteinander, für Selbsterprobung, -bestätigung und -achtung. Kann das das dem common good der Organisation förderlich sein? Michael Burawoy sagt im Kapitel “The Labor Process as a Game” seines Buchs über Spiele auf dem shop floor: “Playing a game generates consent with respect to its rules” – zu den Regeln der kapitalistischen Firma insgesamt. Auch das ist ein Fall eines kollateralen Beitrags der Beschäftigten: überhaupt nicht als Beitrag an die Organisation intendiert, weder via Tausch noch via Gabe. Kollaterale Beiträge sind also ein Drittes neben Tausch und Gabe. Sie spielen eine viel größere Rolle als zunächst angenommen (und kommen in der Literatur, soweit ich sehe, überhaupt nicht vor, man darf annehmen: weil sie beiher anfallen, als selbstverständlich gelten und nichts kosten).
Die Szenen 14 und 15 handeln von Mini-Gaben, die Kolleginnen und Kollegen gewährt werden, ein sehr wichtiger Fall. Das kann auch (muss aber nicht) als Gabe an die Organisation gedacht sein, als Beitrag zur Effizienz der Organisation, ist aber, wenn nicht als solcher intendiert, wiederum nur ein kollateraler Beitrag. Gaben in meinem Buch also zweimal auf, in einmal als Gaben an die Organisation , ein andermal als nicht der Organisation gewidmete Gaben an Kolleginnen und Kollegen. Das hat bei Erstlesern Verwirrung ausgelöst, verständlich, weil es die einfache Dreiteilung in Tausch, Gaben und Kollaterale preisgibt: Gaben, sofern nicht der Organisation gewidmet, aber ihr nützend, sind Kollaterale. Das Streicheln des Tornado-Flügels aus Szene 14 und das ermunternde Mhmm der Kollegin aus Szene 15 sind solche Gaben. Wenn die Organisation davon profitiert, ohne dass dies intendiert war, ist es ein Neben-, ein kollateraler Effekt. Für eine einfache Darstellung dieser etwas verwickelten Verhältnisse siehe diese Abbildung 1:

Abbildung: Beträge der Beschäftigten zum common good von Organisationen
Das Streicheln des Tornados in Szene 14 ist eine magische Praktik, die der Wart L. mit- und einbringt, und eine Ehrerbietung gegenüber dem Piloten und der Heiligkeit seines Lebens. Ehe man das als Spökenkiekerei abtut: So etwas tut man im Modus eines „Ich weiß, aber dennoch …“. „Je sais bien, mais quand même“, das ist die Figur einer durch besseres Wissen nicht zu zerstörenden, vielmehr in der Schwebe gehaltenen Illusion. Es ist Titel eines Beitrags des französischen Philosophen und Psychoanalytikers Octave Mannoni. Im Falle des Tornadoflügel-Streichelns: Ich weiß, dass es das ganz Schlimme nicht verhindert, aber dennoch … Es geht bei dieser Figur darum, so zitiert Robert Pfaller Mannoni, „wie ein Glaube (croyance) zugleich aufgegeben und beibehalten werden kann“. Das bezieht sich auf Magie und magische Praktiken, aber die Figur hat eine weit darüber hinausreichende Bewandtnis. Die Formel „Ich weiß schon, aber dennoch …“ passt zum Beispiel gut zu den Trump-Anhängerinnen, Senatoren und Kongressabgeordneten, die wider besseres Wissen Trump-Lügen „glaubten“, zum Beispiel daran festhielten, dass die Biden-Wahl gefälscht sei (so Gabriele Dietze 2021 in einer Analyse, die sich der Figur Mannonis bediente). Sie gilt auch für handfesteres Aufgeben-und-Beibehalten, betreffend moralische Konflikte für Organisationsmitglieder: Ich weiß, ich sollte nicht (diesem Befehl gehorchen, bei jener Glyphosat-Produktion, Korruption oder Diesel-Manipulation mitmachen), aber dennoch … Solches In-der-Schwebe-Halten wird oft genug erwartet. Das Mitmachen dürfte meist der Logik eines informellen Tauschs gehorchen, kann aber sehr wohl auch im Modus der Gabe erfolgen, zum Beispiel aus Loyalität der Organisation oder jenem Herrn von Pierer gegenüber, der in der Siemens-Korruptionsaffäre einst solche Loyalität mit den allerdings drohenden Worten eingefordert haben soll: „Ihr müsst jetzt wie Soldaten von Siemens handeln!“
