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Gaben und andere Zutaten der Arbeit

Szenen aus der Arbeitswelt 16 bis 20

  • Günther Ortmann
  • Montag, 5. Oktober 2026

16 Eine Pflegerin im Pflegeheim meines Bruders, der wegen einer schweren Muskelatrophie ans Bett gefesselt ist, ist besonders behutsam, wenn sie ihm geschnittene Brotstücke zum Mund führt (was er selbst nicht mehr gut kann). Mit einer anderen kann er sich eine Zigarette und ein abendliches Rauchritual teilen, obwohl es ein Rauchverbot gibt.

17 Ein kabylischer Maurer brachte es nach seiner Rückkehr aus Frankreich zum Skandal, „als er nach getaner Arbeit das traditionell gewährte Richtmahl ausschlug und außer der Entlohnung … eine Prämie von 200 Francs statt des Festessens forderte“. (Pierre Bourdieu)

18 Kleists Schwester und auch die Zuhörer Mirabeaus bei seiner Rede zur Konstitution der französischen Nationalversammlung spielen eine wichtige, aber unscheinbare Rolle. Sie machen eine Bewegung, zucken mit der Oberlippe oder zupfen an der Manschette – Beiträge zur allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden.

19 „Du sollst Gerechtigkeit haben,“ sagt Don Corleone bei Mario Puzo (in Der Pate). „Eines Tages, und dieser Tag wird vielleicht niemals kommen, werde ich dich bitten, mir dafür einen Gefallen zu tun. Bis dahin betrachte diese Gerechtigkeit als Geschenk.“

20 Tom Sawyer streicht den Zaun. Joe Harper kommt vorbei. Tom preist die Freuden des Anstreichens, bis Joe ganz scharf darauf wird. „Tom, lass mich auch mal ein bißchen …“. Tom lässt sich eine Weile bitten. „Tom“, bettelt Joe, lass mich auch, nur ganz kurz. … Ich geb dir dafür ein Stück von meinem Apfel.“ Tom schüttelt den Kopf. „Nein, Joe, das geht leider nicht …“ Am Ende kriegt Tom den ganzen Apfel, und Joe darf streichen.

Szene 16 handelt von Beiträgen einer Pflegerin – Behutsamkeit, Zartgefühl, Einfühlsamkeit, Zugewandtheit –, die nicht gut und allenfalls in Maßen vom Arbeitsvertrag gefordert sein können. In Maßen? Wo steht das Maß geschrieben, welches Maß ist stillschweigend vereinbart? Wann ist das vertragliche und wann das erträgliche Maß voll? Das gemeinsame Rauchen ist erst recht eine Melange aus Gabe und Eigennutz der Pflegerin.

Die Szene 17 mit dem kabylischen Maurer ist ein süffiges Beispiel für die Verkennung der Dignität der Gabe. Der Maurer verschmähte gemäß der Logik der Erzählung die „bloß“ symbolische – daher verachtenswerte? – Anerkennung via Festmahl. Bourdieu nimmt das als Beleg für seine These, es gehe da „objektiv“ um nichts als Tausch, eben Tausch in der Maske der Gabe. Das Festmahl sei nur ein Verfahren der Verschleierung, der Wahrung des Scheins der Gabe. Der Maurer, wie Bourdieu begabt mit der Einsicht in die objektive Wahrheit, habe das durchschaut und nur den Schleier von einem So-Tun-als-ab gezerrt. Das ist umso bedauerlicher, als mit der Geste der Gabe vor allem dem Empfänger Anerkennung gewährt wird (was Bourdieus kabylischer Maurer, oder eher Bourdieu selbst, nicht oder mit Verachtung bedenkt; s. dazu Hénaff 2009, 192 f, 200 ff, 243, 281).

In der Kleist- Szene 18 kommen Beiträge – wie das Zucken einer Oberlippe – vor, die überhaupt nicht intendiert sind oder sein können, und doch „die Verfertigung der Gedanken beim Reden“ und das Reden selbst befördern, ein für die Zusammenarbeit in Organisationen durchaus wichtiges Element der Körpersprache. Keine Gabe, aber ein kollateraler Beitrag.

In den Szenen 19 und 20 geht es um die Maskierung von Tausch als Gabe. Das Don-Corleone-Prinzip steht dafür, dass bei gelingender Maskierung die zu Gaben gehörenden Erwiderungspflichten parasitär ausgebeutet werden können. Wir sind da ja in der Mafia, die mit der omertà eine strenge Pflicht kennt, der zu folgen die Ehre gebietet (aber auch der Eigennutz – Sanktionsvermeidung –, einmal mehr in unauflöslicher Kreuzung.)

Anders gelagert ist die Szene 20 mit Tom Sawyer, der seinem Kumpel Joe Harper einen Apfel abknöpfte, und übrigens anderen Freunden drei Bälle, ein altes Taschenmesser, eine junge Katze und ein blaues Glas, „wodurch man die Welt schön blau sehen kann“. Tom hat Joe und den Freunden die Chance, den Zaun zu streichen, als Großzügigkeit verkauft, ein paradoxieverdächtiger Trick, und den Apfel, die Bälle etc. als Bezahlung – oder Erwiderung? – erhalten, Reziprozität, Tausch, den Tom als Generosität und Gabe maskiert. Haben vielleicht die Virtuosen der Arbeitsmotivation und die Proponenten von Arbeitszufriedenheit, purpose und New Work Tom Sawyer gelesen? Oder hat das vielleicht der Schraubenhändler und Milliardär Reinhold Würth getan, der Außenmitarbeiter daran erinnerte, „dass sie die schönste Zeit ihres Lebens im Beruf verbringen würden“? (Süddeutsche Zeitung Nr. 137 vom 17. 6. 2024, S. 4)

Autor
Günther Ortmann

Prof. Günther Ortmann

war zuletzt Professor für Führung an der Universität Witten/Herdecke im Department für Management und Unternehmertum.

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