5: Ein Kampfflugzeug, ein Tornado, der morgen zum Einsatz muss, aber eben noch flugunfähig war, wird von Wartungsarbeitern mithilfe von Ersatzteilen, ausgebaut aus anderen flugunfähigen Tornados, startklar gemacht.
6: Die Schutzhandschuhe der Firma CleanUp für die Reinigungskräfte am Potsdamer Platz aus Jana Costas‘ ethnographischer Studie Dramas of Dignity (deutsch: Im Minus-Bereich) taugen nichts. Sie zerfallen nach kurzer Zeit. Manche cleaners bringen eigene mit oder putzen mit bloßen Händen.
7: Dennis Organ, Autor von Organizational Citizenship Behavior. The Good Soldier Sydrome, musste als Werkstudent schwere Papierrollen mit Metallbändern zusammenbinden, hatte aber zwei linke Hände. Ein erfahrener Arbeiter kam, zeigte ihm, wie es geht und half – vielleicht hatte er sich gesagt: „If I don’t help this dude out, sooner or later we‘re all gonna have a kingsized mess.“
Die Szenen 5, 6 und 7 drehen sich um mangelhafte oder fehlende Ressourcen (Szene 7 um fehlende Kompetenz eines Anfängers und Hilfe unter Kolleginnen und Kollegen). In der Tornado-Szene 5 ist Kreativität im Umgang mit Ressourcen der Bundeswehr gefragt, eine Art bricolage-Kunst, in Szene 6 werden sogar eigene Handschuhe als Gaben, vielleicht auch im Tausch gegen das Wohlwollen des Vorgesetzten, beigesteuert. Da geht es nicht nur um zerschlissene Schutzhandschuhe, sondern auch darum, dass eine Reinigungskraft nur so ihren eigenen, eigenwilligen Reinheitsstandards genügen zu können glaubt. Das ist insoweit ein Fall des Selbstverständnisses und der eigenen Würde. Ob die Hilfe, die dem (neuen) Werkstudenten Organ aus Szene 7 gewährt wurde, als Gabe (an ihn und/oder an die Organisation) oder als Tauschleistung gedacht war, ist vom Wortlaut her nicht zu entscheiden.
Der Fall der Ressourcenmängel ist, versteht sich, von allgemeiner und höchster Bewandtnis. Man denke, um die Tragweite zu ermessen, an die Ressourcenmängel auch bei der Deutschen Bahn, in Schulen, den Pflegeheimen, den Behörden und überhaupt der Infrastruktur in Deutschland – auch dort überall sind Gaben derer gefragt, die damit irgendwie zurechtkommen müssen, nicht nur do ut des, nicht nur Weisungen Vorgesetzter, nicht nur erläuternde oder ergänzende Vertragsauslegung, nicht nur Vertragserfüllung.
Die Reparatur defekter Tornados mithilfe anderer defekter Tornados kann auf eine gewisse Tradition zurückgreifen. Als ich 1997 eine Professur an der Universität der Bundeswehr Hamburg antrat, lehrten mich meine Studenten (damals nur Männer), wie es funktioniert, fahruntüchtige Lastwagen durch den jährlich fälligen Bundeswehr-TÜV zu bringen: im Wege eines rollierenden Verfahrens der Ersatzteilegewinnung aus jeweils noch nicht zur Inspektion anstehenden Lastern. Das war damals stillschweigend geduldete, weil brauchbare Illegalität. Es konnte nicht Vertragsbestandteil sein, weil es ja dem Sinn von Inspektionen zuwiderlief. Die Regel müsste ja, durch und durch paradox, lauten: Tue das von den Regeln Verbotene. Anders, wenn, wie im Tornado-Fall, der Ausnahme- zum von der Organisation anerkannten Normallfall wird und das Verfahren unter so schönen Namen wie „Hochwertteilegewinnung“ und „gesteuerter Ausbau“ Bestandteil des offiziell gebilligten und gar geforderten Sets an Prozeduren wird,[1] die entsprechende Praxis der Truppe insoweit zur Erfüllung des Dienstvertrages. (Die Grenzen werden da fließend sein, mit stillschweigender Duldung und nachträglicher „Absegnung“ als Fälle mitten in der Grauzone.) Diese Art des Ausbaus habe ich als einen Fall von Dekonstruktion sensu Derrida analysiert: Aus einem Tornado Teile ausbauen, um den anderen mit deren Hilfe auszubauen: das ist der gleiche Doppelsinn von De- und Konstruktion, der Derrida vorgeschwebt hatte. Diese Parallele wird poststrukturalistisch Gesinnte vielleicht befremden. Tatsächlich aber hat sich Derrida in einer späten Erläuterung für einen japanischen Freund auf einen Eintrag im Littré bezogen, wo déconstruction u. a. „mit einer ‚maschinellen‘ Bedeutung verbunden war“ und eine der Bedeutungsfacetten lautete: „Eine Maschine dekonstruieren/auseinandernehmen, um sie anderswohin zu transportieren“. Er hat dort hinzugefügt: „Diese Verbindung erschien mir als Glücksfall, in überaus glücklicher Weise dem angemessen, was ich zumindest suggerieren wollte.“
Weder der Erfindungsreichtum der Soldaten im Umgang mit dem Lkw-TÜV noch das Risiko, das sie damit eingehen, die Vorschriften zu umgehen – sie laufen ja Gefahr, dafür bestraft zu werden –, kann vom Dienstvertrag abgedeckt sein (anders im Tornado-Fall). Beides kann Tauschgegenstand im Rahmen eines informellen Tauschs sein – etwa: brauchbare Illegalität gegen Wohlwollen von Vorgesetzten –, sehr wohl aber kann es andererseits eine Gabe der Soldaten sein, adressiert an Kameraden oder gegeben in der Absicht, zur Funktionsfähigkeit einer mangelhaft ausgestatteten Bundeswehr beisteuern, ohne auf eine solche Gegenleistung zu schielen. Genau darin ist der Fall paradigmatisch, dass Gaben zur Wahrung eines leidlichen Funktionierens von Organisationen, eines notdürftigen Funktionierens-trotz-aller-Mängel, gedacht sein mögen und verhelfen können – eine ihrer wichtigsten Funktionen in Organisationen. Paradigmatisch deshalb, weil die Regelwerke und die Ressourcen aller Organisationen unvermeidlich mangelhaft sind (was bei Lkw’s, die nicht fahren, und Flugzeugen, die nicht fliegen, nur besonders auffällig wird).
[1] Das alles entnehme ich einem Beitrag von Roland Scholz im Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 47 mit dem ironischen, doppeldeutigen Titel „Waffenstillstand“, der sich en detail, am exemplarischen Fall des Jagdbombers Tornado (Taktisches Kennzeichen 44 + 69), mit der mangelhaften Ausstattung und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr befasste, die seither in aller Munde ist. Der Beitrag ist am 26. 11. 2021 erschienen, lange vor dem Überfall Putins auf die Ukraine, der am 24. 2. 2022 begann.
Gaben und andere Zutaten der Arbeit
Szenen aus der Arbeitswelt 5, 6 und 7
