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Gaben und andere Zutaten der Arbeit

Big Bang Theory: Es weihnachtet sehr

  • Günther Ortmann
  • Dienstag, 16. Juni 2026
VERSUS Kolumne Ortmann_Big Bang Theory_Es weihnachtet sehr
Bartolomé Estéban Murillo: Die kleine Obsthändlerin, 1670/75; Foto: Bayer&Mitko - ARTOTEK

Die Erwartungen und Enttäuschungen, die rundum Gaben und Geschenke entstehen, sind gerne genutztes Material in der Comedy. Prof. Günther Ortmann zeigt anhand von Big Bang Theory, was wir über die Normen der Gesellschaft lernen, indem wir darauf achten, wann die Lacher vom Band eingespielt werden.

Bei den Big Bang Theorists weihnachtet es mal wieder. (Es gibt etliche solcher Szenen in verschiedenen Folgen der Sitcom, mit Gabenverwicklungen als running gag.) Penny hat ein Geschenk erhalten und nun ihrerseits Geschenke für Sheldon (und Leonard) mitgebracht – Dr. Dr. Sheldon Cooper, Nerd mit bekanntem Mangel an sozialer Kompetenz. Falls Sie sich die Szene auf YouTube anschauen, was Sie unbedingt tun sollten, werden Sie den kopfstimmenhohen Brustton der Empörung nicht überhören können, in dem Sheldon auf Pennys Offerte, nun ja, antwortet.

Das anschließende Gelächter, wiewohl als Tonkonserve eingeblendet, darf man als Anzeichen dafür nehmen, dass die Zuschauer und „wir alle“ sofort, ohne groß nachzudenken, die Logik verstehen, die in Sheldons Empörung waltet, die Empörung, der Pflicht zur Erwiderung der Gabe unterworfen zu werden. Und, leicht zu übersehen: Sogar die – sehr schwache – Norm, Pflichtverletzungen zu sanktionieren, wird in der Szene befolgt: Sheldon, der die Pflicht verletzt, das Geschenk anzunehmen, wird ausgelacht und von Howard mit Spott bedacht. (Auf solche Normen müssen wir noch zurückkommen. Sie werden gebraucht, um Trittbrettfahrerprobleme zweiter Ordnung zu überwinden.) Hier ist die Szene:

Penny: … I got you and Leonard a few silly neighbor gifts. So, I’ll just put them under my tree.
Sheldon: Wait! You bought me a present?
Penny: U-huh.
Sheldon: Why would you do such a thing? (Dosengelächter)
Penny: I don’t know. Cause it’s Christmas?
Sheldon: Oh Penny, I know you think you are being generous, but the foundation of gift-giving is reciprocity. You haven’t given me a gift, you have given me an obligation. (Lautes Dosengelächter)
Howard: Don’t feel bad, Penny. It’s a classic rookie mistake. My first Hanukkah with Sheldon he yelled at me for eight nights. (Gelächter)
Penny: Honey, it’s okay. You don’t have to get me anything in return.
Sheldon: Of course I do! The essence of the custom is that I now have to go out and purchase for you a gift of commensurate value and representing the same perceived level of friendship as that represented by the gift you have given me. (Gelächter) Oh, it’s no wonder suicide rates skyrocket this time of year. (Lautes Gelächter)
Penny: You know what? Forget it. I am not giving you a present.
Sheldon: No, no, it’s too late. I see that elf sticker says ‘to Sheldon’. (Gelächter) The die has been cast. The moving finger has writ. Hannibal has crossed the alps. (Lautes Gelächter)
Rajesh: [whispering]
Howard: I know, it’s funny when it’s not happening to us. (Sehr lautes Gelächter)
Penny: Sheldon, I am very, very sorry.
Sheldon: No, I have brought this on myself by being such an endearing and important part of your life. I am going to need a ride to the mall.
Howard (to Rajesh): It’s happening to us. (Gelächter)

Nicht, dass es da noch einer Pointe bedürfte. Hier ist aber trotzdem noch eine, liebe Leserin, lieber Leser: It’s happening to us, too, und zwar, wenn wir den Ansichten hartleibiger Ökonomen zum Thema ‚Weihnachtsgeschenke‘ ausgesetzt werden – „ineffizient, Verschwendung, Wohlfahrtsverlust, sollten durch Geldgeschenke ersetzt werden“. Das ist keine Satire. Es terminiert in der Idee der Weihnachtsfeier, veranstaltet als bargeldloser Zahlungsverkehr. Aber auch den Texten zur causa Gabe von Bourdieu, Coleman, Luhmann und sogar Habermas ist Sheldons „Hermeneutik des Verdachts“ gemeinsam: der böse Blick, mit dem sie auf die Gabe schauen und darin, nun aber bierernst, nie etwas anderes als Tausch und dann vor allem jene Hinterlist erblicken, die Sheldon in Pennys Zu-Wendung einzig sieht: wenn schon nicht die üble Absicht, den Empfänger via Erwiderungspflicht in Verschuldung und Abhängigkeit zu verstricken, so doch zumindest die Tücke der Obligation als Funktion und Effekt, das Gift der Gabe. Dr. Dr. Sheldon Bourdieu/Coleman/Luhmann/Habermas – in einer Sitcom ernteten sie Dosengelächter. (Seltsam auch, dass sie fiese Absichten ausgerechnet dann zum Ganzen der Sache erklären, wenn sie auf die Gabe schauen, während ihnen so etwas mit Blick auf den Tausch nicht einfiele. Sie müssten mit dieser pars-pro-toto-Logik ja Tauschen generell als Versuch bestimmen, einander auf’s Kreuz zu legen.)

Nun denkt Mauss die Gabe gerade vom Empfänger und dessen Pflicht her, sie zu erwidern. Tatsächlich ist es diese Pflicht, die, weit davon entfernt, jenen einseitigen Tadel zu verdienen, erst die für Gabensysteme erforderliche Verkettung und Stabilisierung ermöglicht. Das Dosengelächter bedeutet ja: Wie lustig, dass der nerdige Sheldon keine Ader dafür hat, dass es darum geht, via Gaben, einschließlich Erwiderungspflicht, ein soziales Band zu knüpfen, einen Faden, ein soziales Gewebe. Man muss diesen Gedanken nur auf die Verhältnisse in Organisationen übertragen, um zu sehen, welcher Stellenwert der Erwiderungspflicht in den Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern untereinander, aber auch zur Organisation zukommt – und welchen Schaden das soziale Band erleiden kann, wenn die Kolleginnen und Kollegen oder auch die Organisationen ihren Pflichten der Erwiderung von Gaben der Beschäftigten nicht nachkommen. Das auszuarbeiten, ist das Projekt, dem das Buch, das diese Kolumne begleitet, zu einem beträchtlichen Teil gewidmet ist.

Nun gehören Weihnachtsgeschenke nicht zu der Art von Gaben, die mich hier vor allem interessieren. Mir geht es um alltägliche Gaben, unverzichtbar in jedweder Interaktion und Kooperation, und da nicht nur, aber ganz besonders um Gaben in Organisationen, und zwar solchen der Beschäftigten.

Autor
Günther Ortmann

Prof. Günther Ortmann

war zuletzt Professor für Führung an der Universität Witten/Herdecke im Department für Management und Unternehmertum.

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