Was ist der Unterschied zwischen Gabe und Tausch? Der Frage geht Günther Ortmann in seinem neuen Buch Über den Vertrag hinaus. Gaben und andere Zutaten der Arbeit“ auf den Grund. Zum Auftakt der das Buch begleitenden Kolumne nimmt er uns mit in eine Szene aus dem Film No Other Choice, die diese Differenzierung illustriert.
Man-su ist Fachmann für Papierproduktion und arbeitet seit 25 Jahren bei derselben Firma. Er geht dieser Arbeit mit Leidenschaft und Hingabe nach. Er ist glücklich mit seiner Frau Mi-ri verheiratet und Vater zweier Kinder. Zusammen leben sie in Man-sus Elternhaus, das er mit Liebe hergerichtet hat. Dort spielt auch die allererste Szene des Films. Goldenes Herbstlicht, verblassendes Grün, fallende Blätter. Klaviermusik, Mozart. Man-su packt ein Paket aus, darin, siehe da, ein schöner, großer Aal – ein Geschenk der Firma, Beitrag zum Grillfest? Seine Frau sagt erfreut (ich übersetze und zitiere aus dem Kopf): „Schaut, Kinder euer Vater hat von seinem Arbeitgeber einen ganz besonderen Fisch geschenkt bekommen, weil er so hart gearbeitet hat“. Der Vater entgegnet trocken: „Nee, sie haben ihn mir geschenkt, damit ich noch härter arbeite“.
Dieser Mann – muss ich das noch erklären? – hat den Unterschied zwischen Gabe und Tausch verstanden, von dem mein Opus, leider ein ziemlicher Ziegel, handelt. In dem Buch gibt es mehrere Abschnitte zur „Kritik des Um-zu“. Da geht es um das Um-zu, das im lateinischen ut (= damit) in der Formel do ut des steckt und aus der Sache Tausch macht: Ich gebe, damit du gibst – um eine Gegengabe zu erhalten. Anders ein do et des: Ich gebe, und ich erwarte zwar eine Erwiderung, mindestens ein Dankeschön, aber die Gegengabe und ihr Nutzen ist nicht das Motiv meines Gebens. Sondern ich gebe, weil es „the right thing to do“ ist, und du sollst/solltest/mögest die Gegengabe erwidern. Das sind also zwei Formen von Reziprozität, die wir im Alltag sehr wohl unterscheiden, ein Unterschied, der in der Organisationstheorie und -beratung gebührend beachtet werden sollte. Man denke an Gaben der Beschäftigten an „ihre“ Organisation und an die Frage, ob die Organisationen sie erwidern sollten oder gar müssten – und ob sie das überhaupt können.
Die Aal-Gabe erweist sich als vergiftet: Man-su wird noch am selben Tag entlassen und – „Loosing my job is not my choice“ – versucht sich aus abstrusen Gründen an skurrilen Formen der Ermordung potentieller Konkurrenten bei der Jobsuche. Mit Erfolg? Kein Spoiling.
Die nächste Kolumne handelt von einer nächsten Szene, einer Weihnachtsszene aus der Sitcom Big Bang Theory. An ihr kann man sehen, dass die von Marcel Mauss postulierten drei Pflichten des Gebens, Nehmens und Erwiderns von Gaben noch heute allgemein geläufig sind.
