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Der ganz formale Wahnsinn

Freundschaften – Vorzüge und Nachteile persönlicher Beziehungen in Organisationen

  • Stefan Kühl
  • Donnerstag, 5. Januar 2023
freundschaft

Organisationen sind ein guter Ort, um Freunde zu finden. Besonders in Publikumsrollen, als Schüler, Auszubildende oder Studierende, kommt es häufig zur Ausbildung enger Freundschaften. So berichten nicht wenige Menschen davon, dass sie ihre besten Freunde in der Schule, in der Ausbildung oder in der Hochschule kennengelernt haben. Mit Vereinen steht ein eigener Organisationstypus zur Verfügung, dessen maßgebliche Funktion für seine Mitglieder darin besteht, mit anderen Mitgliedern Spaß zu haben. Vereine mögen dabei zwar einen Zweck haben – die Züchtung von Zwergkaninchen, das regelmäßige Befördern eines Balles über ein Netz mithilfe eines Schlägers oder die Rettung bedrohter Pflanzen –, aber oftmals ist die Entstehung von Freundschaften für die Mitglieder ein wichtiger Nebeneffekt. Doch auch in der Leistungsrolle, also als bezahltes Mitglied in einem Unternehmen, Krankenhaus oder Gericht, kommt es nicht selten zur Ausbildung von Freundschaften, die sogar nach dem Ausscheiden aus der Organisation fortbestehen können.[1]

Die Vorteile der Freundschaftsanbahnung über Organisationen sind nicht zu übersehen. Man muss nicht eine unbekannte Person im Café fragen, ob sie Interesse an einer Freundschaft hätte, sondern die Organisation sorgt für ein weitgehend risikoloses Bekanntmachen. Man muss nicht die nervenaufreibende Initiative auf einer Party ergreifen und eine neue Bekanntschaft fragen, ob man sich nicht am nächsten Tag zu einem Tee verabreden wolle, sondern die Organisation sorgt schon mit Verweis auf Arbeitszeiten und -orte dafür, dass man die Person wiedertrifft. Kurz: Das „Gesetz des Wiedersehens“ in Organisationen führt dazu, dass man ungezwungen austesten kann, ob sich einzelne Kollegen vielleicht auch als Freunde eignen.

Zugestanden, es gibt wenige Organisationen, die die Ermöglichung und Pflege von Freundschaften in ihren Leitbildern als ihren zentralen Zweck ausflaggen.[2] Aber es fällt auf, dass nicht wenige Organisationen inzwischen auf ihrer Schauseite propagieren, dass die Belegschaft nicht nur aus Mitgliedern, sondern aus Kollegen, ja weitergehend aus Freunden bestehe. Das sticht insofern besonders ins Auge, weil in den meistens Fällen die Entstehung von Liebesbeziehungen eher kritisch beäugt wird. Während bei entstehenden Liebesbeziehungen in Organisationen gerade über hierarchische Ebenen hinweg nicht selten eine Meldepflicht besteht und die Liebespartner in verschiedene Einheiten versetzt werden, wird die Entstehung von Freundschaften nicht nur als unproblematisch, sondern auch als förderlich betrachtet.[3]

Sicherlich, die Möglichkeiten der Organisationen, die Entstehung von Freundschaften innerhalb einer Organisation zu fördern, sind begrenzt. Sie können schließlich nicht das Eingehen von Freundschaften zu einer formalen Mitgliedschaftsbedingung erheben. Eine formale Forderung an Mitglieder in der Probezeit, mindestens fünf Freundinnen und Freunde innerhalb der Organisation zu finden und mit denen einen Freundeskreis zu bilden, würde Irritationen ausbilden. Aber es gibt sicherlich Bedingungen in der Organisation, die die Ausbildung von Freundschaften fördern: extrem lange Arbeitszeiten, die es unmöglich machen, Freundschaften außerhalb der Organisation zu pflegen; längere, mehrwöchige Arbeitseinsätze weit weg vom eigentlichen Arbeitsort oder die Schaffung von Orten in der Organisation, an denen man in einem entspannten Rahmen zusammenkommen kann.

Die Vorzüge von Freundschaften in Organisationen liegen auf der Hand. Freundschaften können als Schmierstoff dienen, der das Getriebe der Organisation am Laufen hält. Sie ermöglichen den Aufbau von Vertrauen, weil man in der Lage ist, die Kollegen als Personen einzuschätzen. Nicht selten kann aus dem Schmierstoff allerdings der Sand im Getriebe werden. Enge persönliche Beziehungen können Eigendynamiken aller Art entwickeln, die zulasten der Organisation gehen und sich ihrer Kontrolle entziehen. Enge Freunde, die in der gleichen Organisation, vielleicht sogar in der gleichen Abteilung, arbeiten, können Informationen für sich behalten und sie nicht mit anderen Personen teilen. Es ist komplizierter, Personen zu entlassen, die enge Freunde in der Organisation haben, weil die sich dadurch ausbildenden Schockwellen deutlich stärker als bei regulären kollegialen Beziehungen sind. Besonders problematisch ist es schließlich noch, wenn Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen zerbrechen, die Personen aber weiterhin als Organisationsmitglieder zusammenarbeiten. Es ist für Organisationen deshalb von enormem Vorteil, wenn eine Auseinandersetzung zwischen zwei Abteilungsleiterinnen nicht als persönlicher Streit ausgetragen wird, in dem sich die Beteiligten in ihrer ganzen Identität angegriffen fühlen, sondern der Konflikt nur auf der Sachebene geführt wird. Eine Organisation kann zerstrittene Freunde oder Paare in der Belegschaft ja schlecht in eine Therapie zwingen.[4]

[1] Der Text basiert auf einem Interview in brand eins StefanKühl: Paarbildung, Lästercliquen, Streiks, Morde: immer was los im Betrieb. In: Brandeins (2021), 10, S. 56–62.
[2] Für eine nicht gerade als Erfolg anzusehende Ausnahme siehe EliotBrown, MaureenFarrell: The Cult of We. WeWork, Adam Neumann, and the Great Startup Delusion. New York 2021; ReevesWiedeman: Billion Dollar Loser. The Epic Rise and Spectacular Fall of Adam Neumann and WeWork. New York, Boston, London 2020.
[3] Siehe für eine solche Ideologie nicht zuletzt TonyHsieh: Delivering Happiness. A Path to Profits, Passion, and Purpose. New York, Boston 2010.
[4] Zur Bedeutung von „Themen“ in Freundschaften in Organisationen siehe umfassend und aufschlussreich HarmsHerbert: Freundschaftsanbahnungen in Organisationen. Ein Kommunikationsproblem. Wiesbaden 2022.

Autor

Prof. Stefan Kühl

vernetzt in seinen Beobachtungen neueste Ergebnisse aus der Forschung mit den aktuellen Herausforderungen der Unternehmenswelt.

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