Meine erste Begegnung mit dem Gedankengebäude von Jürgen Habermas hatte ich an der Universität St. Gallen. Ich hatte dort mit einiger Ratlosigkeit ein Doktorandenstudium in Wirtschaftsethik begonnen, weil ich in der Betriebswirtschaftslehre keine Orientierungen fand für den Umgang mit Problemen in Unternehmen. Mein Doktorvater Peter Ulrich lehrte mich Habermas zu lesen. Hier fand ich jetzt die gesuchte Orientierung – unter anderem in der Figur der „idealen Kommunikationsgemeinschaft“.
Habermas vermittelt, dass jeder Mensch zunächst in seiner eigenen Welt, seiner eigenen Wahrheit lebt, an die erst einmal kein anderer Mensch herankommt. Die Mittel, um die Welt des anderen Menschen zu erreichen, sind Sprache, Vernunft sowie die Annahme von Vernunft beim Gegenüber. Nur in einer „idealen Kommunikationsgemeinschaft“ kann es gelingen mittels Sprache und Vernunft einander so gut zu verstehen, dass ein Konsens, eine geteilte Wahrheit entsteht. Dafür müssten allerdings einige Bedingungen erfüllt sein: Alle Teilnehmenden haben gleichen Zugang zur Diskussion und unendliche Rede- und Fragezeit, ohne Zwang, außer dem des besseren Arguments.
An dieser Stelle stolpern Menschen und wenden ein: „Aber das ist doch gar nicht möglich.“ Weder sind alle Menschen gleich ausdrucksfähig, noch gibt es einen herrschaftsfreien Raum und niemals ist es möglich, ein Thema wirklich so lange zu besprechen, bis alle Perspektiven vollständig durchdrungen wurden. Die reale Welt kennt keinen unendlichen Zeitvorrat. Irgendwann muss man entscheiden, irgendwann muss man handeln.
Doch das ist kein Widerspruch zur Idee der idealen Kommunikationsgemeinschaft – es ist genau ihr Punkt. Wie der Name schon verspricht, ist die ideale Kommunikationsgemeinschaft ein Ideal. Sie ist die regulative Idee, an der wir als Menschen die Gestaltung unserer Kommunikation ausrichten sollten. Wir sollten mit den durch die Realität begrenzten Mitteln das Ideal anstreben.
Handeln macht Verstehen beobachtbar
Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, hat er höchste praktische Relevanz für die Organisation: für die Gestaltung von Meetings, Workshops und ganzen Veränderungsprozessen.
Für uns als Metaplanerinnen und Metaplaner beginnt es damit, dass wir Diskussionen visualisieren. Wir bringen Argumente auf Karten und ordnen sie einander auf die Weise zu, wie wir die Sprecherin oder den Sprecher verstanden haben. Immer wenn jemand sagt „so habe ich es nicht gemeint“, fragen wir „wie hast du es dann gemeint?“ Und in dieser Aushandlung liegt eine Annäherung an die ideale Kommunikationsgemeinschaft. Ähnliche Aushandlungen erleben etwa technische Zeichner und Ingenieurinnen, wenn eine Seite beschreibt, die andere Seite zeichnet und so das Ergebnis gemeinsames Verstehen dokumentiert (etwa wie das Prototyping im Design Thinking). Die Bilder, die im Kopf auf Basis von Beschreibungen entstehen, sind höchst individuell. Doch mit dem Objekt in der Hand oder dem geschriebenen Wort vor Augen wird die Lücke zwischen den Wahrheiten das eine Stück kleiner.
Für Veränderungsprozesse ist die ideale Kommunikationsgemeinschaft als regulative Idee entscheidend, weil wir davon ausgehen können, dass wir uns erst einmal nicht verstehen und uns dann Argument für Argument auf die Suche nach einer Verständigung machen. Die bleibt grundsätzlich in der realen Welt unmöglich, was aber nicht heißt, dass man nicht nach ihr streben kann. Selbst wenn alle sagen, womöglich sogar denken, man habe ein gemeinsames Verständnis der Situation und der zu treffenden Handlungen erreicht, heißt das leider nicht, dass dies auch der Fall ist. Erst wenn Akteure handeln, sehen wir, was sie verstanden haben (ausführlich dazu hier). Darum ist es wichtig, Veränderungsprozesse als iterative Schleifen anzulegen: Auf Diskurs folgt Handeln. Und die beobachteten Handlungen informieren den nächsten Diskurs. Man wird einander nie vollends begreifen können, und deshalb bleibt die Rückkehr in den Diskurs unausweichlich.
Mit Habermas wissen wir also: Wir haben keine Chance, dass Kommunikation gelingt. Darum müssen wir sie ergreifen.
