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Matthiesen meint

So wie es ist, ist es nicht gut

  • Kai Matthiesen
  • Freitag, 5. Juni 2026
Matthiesen meint-Organisation: eine Zumutung
© Timo Müller, Die Illustratoren

Es muss sich dringend etwas ändern. Zu diesem Schluss kommt aktuell eigentlich jede/r, der Verantwortlichen in Unternehmen nur zehn Minuten zuhört. Zu dem gleichen Schluss kommt, wer das Netzwerktreffen einer Branche besucht oder eine Wirtschaftskonferenz, wer eine Talkshow über Wirtschaftspolitik oder Diskussionen auf Social Media verfolgt. Die Beiträge der meisten Sprecherinnen und Sprecher lassen sich auf die gleiche Bilanz bringen: So wie es ist, ist es nicht gut.

Je nach Rahmen und Selbstbewusstsein der Sprechenden meinen manche die Situation im unmittelbaren Umfeld ihrer Organisation oder die ihnen vertraute Branche oder verweisen auf einschlägige Studien. Die weniger Bescheidenen urteilen über ganz Deutschland oder noch breiter, „den Westen“, und fordern etwa, dass alle „aufwachen“ sollten. Ich persönlich mache mir weniger Sorgen darüber, dass hier irgendjemand schläft. Mich besorgt, wie sich der Diskurs entwickelt. Denn auf die Frage, wie die Dinge sein sollen, wenn sie jetzt nicht gut sind, höre ich oft Antworten, die meiner Meinung nach in die falsche Richtung weisen.

Meistens geht es dabei um das Zurückholen von Freiheit. Die Gesellschaft sei zu vorsichtig geworden. Mit dem Ziel, auf alles und Jede/n Rücksicht zu nehmen, alles sicher zu machen, hätten wir uns der Freiheit zu handeln beraubt. Begründet wird dieses Argument mit Hinweisen auf überbordende Bürokratie, die Masse an Dokumentationspflichten und darauf, was alles beantragt werden muss, bevor sich irgendetwas bewegen darf. Man sei damit viel zu weit gegangen. Darum brauche es jetzt mutige Männer (und Frauen, aber die werden in diesen Redebeiträgen meistens nur mitgemeint), die das Regelwerk der Gesellschaft, das explizite wie implizite, ignorieren und endlich wieder einfach machen. Dafür brauche es einen Ruck in der Gesellschaft, so das Argument.

Wenn man genauer hinsieht, scheint es vor allem um einen respektvollen Ruck zurück zu gehen, ein Beiseitetreten, damit diese „be fast and break things“-Persönlichkeiten Schwung holen können. Wo ein Wille und Kapital ist, soll endlich auch wieder ein Weg sein, der direkt zum Erfolg führt, quer durch alles, was sonst gebremst hat: Arbeitsschutzpflichten, Betriebssicherheitsverordnungen und all die anderen Hindernisse, die den freien Unternehmergeist eingeschränkt haben.

Soweit das Argument, das man mal mehr, mal weniger deutlich vorgetragen bekommt. Die Reinform findet man etwa bei Peter Thiel, Abstufungen in den besagten Talkshows und im LinkedIn-Feed. Was dank des positiv besetzten Motivs von Freiheit und dem Lösen der selbstauferlegten Fesseln im Diskurs untergeht, ist, was für eine dystopische Vorstellung von Gesellschaft, was für ein durchrationalisiertes Menschenbild diesem Argument zugrunde liegt. Im Kern ist es eine libertäre Vorstellung von Gesellschaft, in der so viel wie möglich über ungezügelte marktwirtschaftliche Mechanismen geregelt werden soll.

Die wichtigsten Mechanismen zur Gestaltung der Gesellschaft wären dann Kaufen und Verkaufen. Das ist eine Form von Freiheit, ja. Was für die einen die Freiheit zum Handeln ist, ist für die anderen die Freiheit von Schutz. Der Mensch wird wieder freigelassen, um des Menschen Wolf zu sein. Diese moderne Variante des Hobbes’schen freien Menschen ist nur insofern ziviler, als er nicht mittels seiner Zähne zum Wolf wird – sondern mittels Kapital.

Ich beobachte diesen Diskurs und frage mich halb hoffend, halb sorgend: Das kann doch nicht alles sein? Gibt es noch positive Vorstellungen von Gesellschaft und Organisationen? Damit meine ich nichts von dem was zuletzt unter dem „New Work“-Banner präsentiert – und jetzt heimlich begraben wurde. Es geht mir nicht um Ideen von Arbeit, die auf der Fantasie der Integration des ganzen Menschen und allgemeinem Harmoniestreben basieren. Bei diesen Vorstellungen von Organisation sieht alles sehr kuschelig aus. Aber entweder scheitert diese Kuscheligkeit an einer Realität, in der es auch Konflikte, Druck und Machtspiele gibt – oder sie dient dem Verschleiern perfider Ausbeutungsmechanismen.

Ich suche Ideen, die auskommen ohne den Wunsch, Menschen spiritualisieren zu wollen und zugleich darauf verzichten, Tech-Bros umso lauter bejubeln, je menschenverachtender sie handeln. Ich wünsche mir einen Diskurs, der anerkennt, dass viele Dinge nicht gut sind, so wie sie jetzt sind, und der zugleich würdigt, dass wir viel erreicht haben. Ich wünsche mir einen Diskurs, der anerkennt, dass wir als Gesellschaft Leitplanken bauen müssen für den Weg in eine bessere Zukunft. Ich wünsche mir einen Diskurs, der würdigt, dass gemeinsames Leisten, gemeinsames Schaffen eine gute Sache ist – und dass der Anspruch auf respektvolle Behandlung nicht von der Arbeitsleistung eines Menschen abhängt.

Darüber würde ich gerne mehr diskutieren. Darüber, wie es wäre, wenn es besser wäre. Und darüber, was wir tun müssen, damit es besser wird.

((Falls es jemand biblisch mag: “… was wir tun müssen, damit es gut wird.”))

Autor
Kai Matthiesen

Dr. Kai Matthiesen

hat ein besonderes Augen­merk auf die alltäglichen Aufgaben von Organisations­mitgliedern – und was von ihnen formal eigentlich gefordert ist.

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