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Gaben und andere Zutaten der Arbeit

Szenen aus der Arbeitswelt (2)

  • Günther Ortmann
  • Montag, 13. Juli 2026

Diese Kolumne ist eine Fortsetzung. Teil 1 finden Sie hier.

Günther Ortmann lädt uns ein, zwei weitere Szenen aus der Arbeitswelt zu betrachten: Szene 3 ist in der Gesundheitsbranche situiert, Szene 4 im Recht.

Szene 3: Mit Applaus von den Balkonen haben sie in Rom, in Neapel und sogar im Hamburger Grindelviertel den „Heldinnen und Helden“ der Coronakrise gedankt: Ärztinnen, Ärzten, Pflegern und Pflegerinnen. In Crotone haben sie „Abbracciame“ gesungen, „Umarme mich“.

Szene 4: Verena Mayer in der Wochenend-Kolumne der Süddeutschen Zeitung (Nr. 121 vom 27./28./29. 5. 2023, S. 46) schreibt:

„Wer sich mit Verbrechen beschäftigt, wird oft gefragt, was das mit einem macht. Von einer Jugendrichterin weiß ich, dass sie durch ihren Beruf große Angst um ihre Kinder hat. Eine Staatsanwältin erzählte mir, dass sie darunter litt, durch Drogen abgestürzte Menschen auch noch anklagen zu müssen.“

Szene 3 handelt von einem Fall von Krisen – die Covid-Pandemie ist da nur ein Beispiel – und den außer- und übervertraglichen Beiträgen, die von Beschäftigten darin trotz womöglich nie dagewesener Anforderungen und großer Überlastung erbracht werden, im Tauschwege (auf Belohnungen schielend) oder aber als Gaben (an Patienten und zu Pflegende, an Kolleginnen und Kollegen oder auch an die Pflegeeinrichtung). Und von Dank, der als Erwiderung ihrer Gaben gelesen werden kann (und später, angesichts ausbleibender materieller Anerkennung, als Hohn empfunden werden konnte).

Szene 4 gibt eine Ahnung von der psychischen Arbeit und der Balance-Ökonomie (Negt/Kluge), die Beschäftigte einbringen müssen, um den Anforderungen des Jobs zu genügen. Es geht da nicht nur um Angst, hier der Jugendrichterin, und ihren Umgang damit, sondern auch darum, mit moralischen und anderen Zumutungen fertigzuwerden, um Beiträge im Modus einer Passivität, um Ertragen, Erleiden, Mitleiden und manches andere.

Balance-Ökonomie?

Sklaven, Leibeigene, kleine Bauern, wenn der „lord“ vorbeikommt, aber auch, in gemäßigter Form, Untergebene, die auf Vorgesetzte treffen, müssen beherrschen und aufbringen, was James C: Scott, Autor von Domination and the Arts of Resistance, „survival skills“ genannt hat. Dazu gehören, jenseits frontalen Widerstands, die Künste, sich nach außen buchstäblich oder metaphorisch zu verbeugen, eigenen Widerwillen zu verbergen, den Eindruck von Willfährigkeit oder jedenfalls Einwilligung zu erwecken („impresssion management in power-laden situations“, ebd.), und bei alledem aber einen Eigensinn zu wahren. Sie müssen, allgemein gesprochen, eine Balance zwischen öffentlicher Subordination und stiller Widerstrebsamkeit oder Distanz aufrechterhalten. Für Sklaven im Verhältnis zum Herrn gilt, laut Étienne de La Boétie: „They must carefully observe his Words, his Voice, his Eyes, and even his Nod.” Aber sie müssen auch die eigenen Worte sorgfältig wägen, und den Ton, den sie anschlagen. Das müssen auch heutige Beschäftigte. Sie müssen vermeiden, sich im Ton zu vergreifen oder allzu aufmüpfige Blicke zu werfen. Sie müssen gute Miene machen, lächeln, nicken, wo ihnen nach Kopfschütteln zumute ist. Sie müssen „on stage“ eine überzeugende „performance“ bieten und können „offstage“ einem „hidden transcript“ folgen.

So etwas auszuhalten, es zu ertragen, Angst, Ekel und moralischen Zwiespalt zu verarbeiten, damit fertig zu werden, dafür braucht es, was Oskar Negt und Alexander Kluge in Geschichte und Eigensinn ‚Balance-Ökonomie‘ genannt haben. Sie widmen da ihre ganze Aufmerksamkeit „den im Arbeitsresultat nie und im Arbeitsprozeß selten sichtbaren Strömen“, einem „Strom von permanent aufgewendeter Arbeitskraft“, vergegenständlicht als „Balance-Ökonomie“.

„Sie äußert sich z. B. in der Umwegproduktion der Kultur, in der Phantasietätigkeit, Arbeit des Protests, der Deutungsarbeit, der Trauerarbeit, in einer Fülle von Selbst- und Fremdtröstungen; sie ist praktisch als Annex Bestandteil eines jeden Arbeitsprozesses und zugleich Praxis einer kompensatorischen Gegenproduktion.“ Das ist Arbeit, gewiss nicht mit der Intention, sehr wohl aber mit dem Effekt, zum common good der Organisation beizutragen. Sie wird weder im Tauschwege noch als Gabe beigesteuert, der Nutzen für die Organisation fällt aber als by-product an, als Kollateralnutzen des Ringens der Beschäftigten um ihre Balance-Ökonomie. Das ist ein Beispiel für, wie ich sie daher nenne, kollaterale Beiträge. Kollaterale sind die dritte Art von Beiträgen Beschäftigter neben Tausch und Gabe.

Autor
Günther Ortmann

Prof. Günther Ortmann

war zuletzt Professor für Führung an der Universität Witten/Herdecke im Department für Management und Unternehmertum.

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